A Walk through the Mission District, San Francisco, CA.
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Beim Sortieren der Bilder zieht noch einmal der Tag vor meinem geisteigen Auge vorbei, an dem ich die Fotos aufgenommen habe. Wehmut. Sehnsucht - nach Orten und Menschen wie diesen:
Auf meinem Spaziergang durch den Mission District (es ist noch frueher Nachmittag) bleibe ich in einer mexikanischen Bar haengen. Aus einem Laden mit dem Namen El Tin Tan erschallt lauter, wehmuetig-stimmungsvoller Mariachi wie ich ihn liebe und ich kann einfach nicht vorbeigehen. Der Tresen in der dunklen, langgezogenen Bar ist vollbesetzt mit jungen Mexikanern. Bis auf ein Paar, das sich sehr intensiv miteinander beschaeftigt, sind nur Vertreter des maennlichen Geschlechts anwesend. Mir faellt auf, alle haben denselben irgendwie gedrungenen Koerperbau und alle trinken Flaschenbier. Die beiden relativ kleinen, *gut proportionierten* Ladies mittleren Alters hinter der Theke trinken ebenfalls Bier aus der Flasche und verstroemen eine total ausgelassene Froehlichkeit. Alle paar Sekunden lachen sie laut (sehr anmutig) und /oder scherzen mit einem der maennlichen Gaeste. Und dazu der herrlich stimmungsvolle Mariachi. Ich fuehle mich sofort wohl, ueberlege kurz und bestelle dann doch ein Bier, jedoch Draft (gezapft), auch wenn ich an der Theke der einzige bin, der es in dieser Form trinkt.
Ein einziger Tisch ist noch besetzt, an dem der (ausser mir) einzige Weisse sitzt. Er hat ebenfalls ein gezapftes Bier vor sich und wohl schon seine besten Jahre hinter sich. Er ist der einzige im Raum, der ein leidendes Gesicht macht, so als haette sich die ganze Welt gegen ihn verschworen.
In solch einer Bar bleibe ich natuerlich nicht bei einem Bier und komme mit meinen Thekennachbarn ins Gespraech, habe jedoch erhebliche Schwierigkeiten, ihren Akzent und Slang zu verstehen. Zwischendurch druecke ich weitere Songs in der Musikbox (habe ich eigentlich schon mal erwaehnt, dass ich Musicboxes mag?), obwohl ich keinen einzigen der spanischen Titel kenne. Ich orientiere mich einfach an Namen und Covern und treffe immer genau die richtige Wahl. Die Ladies hinter der Theke singen und tanzen ausgelassen mit zu den Songs, die ich gewaehlt habe. Ich werde gefragt, ob ich die Lieder kenne, da ich wohl genau den richtigen Ton passend zur Stimmung getroffen habe. Dann bitte ich meine Thekenkollegen, fuer mich Musik zumachen und bitte ausdruecklich darum, weiterhin Musik im bisherigen Stil zu waehlen. Sie meinen jedoch, mir einen Gefallen zu tun, indem sie 'weisse" Musik wie z.B. "Hotel California' von den 'Eagles' spielen. Das ist auch nicht schlecht, passt jetzt jedoch nicht. Also muss ich die Musikauswahl wieder selbst in die Hand nehmen.
Inzwischen ist es auch nicht beim zweiten Bier (man trinkt hier natuerlich nur Grosse) bei mir geblieben und schliesslich gebe ich den Damen hinter der Theke und meinen Nachbarn Tequila der Marke 'Le Patron' aus. 'Le Patron' habe ich erst kurz zuvor hier in San Francisco bei einem wiederholt zelebrierten Ritual in meinem Appartement kennen gelernt. Zu dem zu zweit zumeist die ganze Nacht zelebrierten Ritual gehoerten eine Flasche 'Le Patron', mehrere Flaschen guten Weisswein, Musik von meinem iPhone sowie diverse andere Vergnuegungen, ueber die ich mich hier nicht unbedingt weiter auslassen moechte.
Der weisse, aeltere Nachmittagstrinker am Tisch hat inzwischen Gesellschaft bekommen und seine Miene hat sich sogar aufgehellt. Er schaekert mit einer ebenfalls nicht mehr ganz jungen, sehr staemmigen Mexikanerin, bekleidet mit einem knappen Outfit der Art, wie es sonst zumeist nur ranke und schlanke 20-jaehrige tragen. Sie hat jetzt die Musikauswahl uebernommen und singt und tanzt zwischendurch.
Irgendwie verschwimmt so langsam die Zeit in dieser speziellen Welt, in die ich so ungeplant und unvermittelt eingetaucht bin. Damit nicht noch mehr verschwimmt, denke ich irgendwann, ich muss jetzt an die frische Luft und moechte mich verabschieden. Mein direkter Thekennachbar scheint grosses, wie auch immer geartetes Interesse an mir zu haben, denn er ist ganz traurig und ich muss ihm versprechen, spaeter am Abend wieder zu kommen. Ich hoffe, meine Antwort faellt noch unter die Rubrik 'Notluege'.
Also trete ich aus dem schummerigen El Tin Tan hinaus in die Spaetnachmittagssonne und fahre mit meiner Erkundungstour fort. Auf einmal ist es jedoch viel schwerer, mit ruhiger Hand Fotos zu machen.
Currently playing in the background: Grinderman - When My Love Comes Down
