Schon wieder ARTE geschaut. Ich glaube, innerhalb der letzten Wochen mehr als innerhalb meines gesamten Lebens zusammen. *Roll over Hanau*.
Der Dokumentarfilm "Roll Over Hanau" schildert am Beispiel einer
hessischen Garnisonsstadt den nachhaltigen Einfluss US-amerikanischer
Subkultur auf eine westdeutsche Jugend, für die Amerika in Zeiten von
Wiederaufbau und Wirtschaftswunder zum Synonym für Aufbruch und
Veränderung wurde.
(...)
Durch den
Einfluss der GIs entwickelte sich in Hanau eine einmalige
Kulturlandschaft, die ihresgleichen suchte und die bis heute die
Biografien mancher Hanauer prägt. Mit ihrem starkem Dollar finanzierten
die amerikanischen Soldaten unzählige Musikbars und GI-Clubs, die Hanau
bald zum Mekka für durchreisende Musikgruppen und Nachtschwärmer aus
ganz Hessen werden ließ. In den 50er und 60er Jahren genoss die Stadt
den sündigen Ruf eines "hessischen St. Pauli".
Ein Dokumentarfilm, wie er sein soll. Hauptakteure sind die Menschen, die befragt werden und die frei von der Leber weg erzaehlen. Ohne den so oft anzutreffenden, stoerenden, bewertenden Kommentar aus dem Off. Auch die Fragen werden nicht eingeblendet.
Das Leben Hanaus wurde nach dem 2. Weltkrieg gepraegt durch 30.000 amerikanische GIs, die das bis dahin beschauliche, 45.000 Einwohner zaehlende Staedtchen ueberschwemmten. Und Rockn' Roll, Gospel, Blues und Jazz und ein ganz neues, lockeres, freiheitliches Lebensgefuehl mitbrachten, das dem 50er-Jahre-Mief Nachkriegsdeutschlands diametral entgegenstand.
Hanau war eine Stadt ohne naechtliche Sperrstunde, mit diversen Bars und Nachtclubs, in denen taeglich bis zum fruehen Morgen Live-Bands auftraten. Mit vielen Musikeinblendungen wird sehr anschaulich die Entwicklung vom Rockn' Roll ueber den Beat bis hin zum progressiven Rock sowie des Jazz dargestellt. Sehr gefreut habe ich mich ueber die Erzaehlungen von Gary Burger, Saenger und Gitarrist der legendaeren Monks. Er kam als GI nach Hanau und spielte zuerst mit der Band Torquais klassischen Rockn' Roll, bis er mit den Monks diesen fuer diese Zeit einmaligen Sound entwickelte, der schon bestimmte Arten des Post Punk bzw. Wave vorwegnahm. Nie kommerziell erfolgreich, jedoch heute noch Kult.
In Hanau traten auch des oefteren die Tielman Brothers (Indonesier aus Holland) auf, von denen ich bisher noch nie etwas gehoert habe. Absolut genial.
Der Gitarrist der damaligen Krautrockband Orange Peel hat jetzt ein Gitarrengeschaeft in Hanau.
Anfang der 70er Jahre fand diese Aera ihr Ende, bedingt einerseits durch den neuen Buergermeister, der das Nachtleben durch Verbote immer mehr einschraenkte und andererseits durch die Wandlung der US Army hin zu einer Freiwilligenarmeee. Dadurch kam ein aenderer Typus Soldat nach Deutschland, schon aelter und zumeist mit der gesamten Familie.
Irgendwann zogen die Amerikaner dann ganz aus Hanau ab. Darueber war sogar der Jazz-Fan traurig, der vehement gegen den Vietnam- sowie die beiden Irak-Kriege protestierte.
Heute ist Hanau wieder ein verschlafenes Provinznest wie so viele andere in Deutschland auch.
*Roll over Hanau* ist auf ARTE noch einmal zu sehen am 4.1.2010, 9:55 h.
